«Fast wie ein Bruder» schlug schon vor Erscheinen hohe Wellen – wegen des «Z-Worts». Ein starkes Stück ist das Buch aus ganz anderen Gründen.
Die Aufregung war gross vor einem Jahr, als Alain Claude Sulzer das Unterstützungsgesuch für sein neues Schreibprojekt zurückzog. Der Schriftsteller hatte ein Schreiben der Leiterin Kultur des Kantons Basel-Stadt erhalten: Sie forderte ihn auf, zu erklären, warum in seinem vom Fachausschuss Literatur unterstützten Text das Wort «Zigeuner» vorkommt. Sulzer empfand das Vorgehen als Einmischung in seine künstlerische Freiheit und sprach von Zensur.
Jetzt ist das Buch da, und das Wort selbstverständlich noch drin. Allerdings nur dort, wo es um die Sprech- und Denkweise der Leute geht, die beschrieben werden. Leute aus den 1970er-Jahren in einem Bochumer Wohnblock. Wird von heute aus erzählt, werden heutige Wörter benutzt.
Ansonsten geht es um was anderes. Um Freundschaft und Sexualität, um Abschied und Tod und um die Kunst. Denn «Fast wie ein Bruder» ist nicht nur ein neuer Sulzer-Roman, in dem es um enge Männerbindungen geht, sondern wie vorher schon «Aus den Fugen», «Postskriptum» und «Doppelleben» ein Künstlerroman.
Der ganze Rummel um das eine Wort hingegen verblasst mit jeder Seite mehr. Gut so. Denn angesichts der Qualität des Romans ist der schlicht irrelevant. (Aus der Rezension von Michael Luisier, SRF)