Navigieren in Sproochbrugg

Montagskind von Andreas Blocher

Andreas Blocher, Montagskind

Im vergangenen November ist Andreas Blocher 82-jährig gestorben. In der Familie mit elf Kindern war er nach eigenen Angaben die «Nr.9», Christoph die «Nr.7». Um sich von der Politik des SVP-Patriarchen abzugrenzen, musste Andreas öfter «Ich bin nicht Blocher» sagen, frei nach Max Frischs «Stiller».

Andreas Blocher ging nicht in die Politik, verfolgte aber das Geschehen in der Schweiz intensiv. Er wurde Historiker, verdiente sein Geld als Mittelschullehrer. Daneben schrieb er Bücher, die ein eigenständiges Denken verraten. In seinem letzten Werk, das er kurz vor seinem Tod noch abschloss und das nun erschienen ist, kehrt er zur Familiengeschichte zurück. In 30 «Tableaux» erinnert er sich an die gemeinsame Kindheit und Jugend von ihm, Christoph und den anderen Geschwistern.

Die Blocher-Kinder boten sich als Ziele an, weil sie, so Andreas, eine «kreuzbrave, treuherzige und herzensfromme Familienschar» gewesen seien. Zu Hause las und sang man Volkslieder. Vater und Mutter liessen die Kinder draussen spielen. Aber sonntags galten strenge Gesetze, die sie von anderen Kindern trennten und zum Gespött machten: Selbst bei Hitze durften sie sonntags nicht im nahen Rhein baden gehen oder bei einem Fussballmatch zuschauen. Andreas Blocher empfand sich deshalb als «aussortiert» und als «Montagskind», so der Titel des Buches. In der DDR waren Montagskinder jene, deren Eltern sie von Jugendeinrichtungen der Partei und des Staates möglichst fernhielten, mit der Folge, dass sie von anderen Kindern schikaniert wurden.

«Montagskind» ist ein facettenreiches Werk, das essayistische wie erzählerisch dichte und atmosphärisch starke Passagen enthält. Andreas Blocher hat die Namen der Geschwister geändert, sich selbst nennt er Arthur. Christoph ist der Schorsch. Das hat er wohl nicht primär gemacht, um den Text zu fiktionalisieren, sondern eher, um den Eindruck eines Enthüllungsromans zu vermeiden. In seinem letzten Buch sucht er nicht mehr die Konfrontation. Im Gegenteil, ihm gelingt ein versöhnliches, aber trotzdem spannendes Familienporträt.